Weltuntergangsromantik IV

Frauen. Anders kann ich es gerade nicht ausdrücken. Die Zivilisation ist dahin. Die Menschheit zerfällt. Und du hast nichts besseres zu tun, als mir lautstark in einer nur auf den ersten Blick unbewohnten Stadt erklären zu wollen, was du für mich empfindest oder eben nicht empfindest. ‚Bringt sie bitte mal wer zum Schweigen‘ denke ich, als ich den Querschläger nahen höre.

Ein Teil deines Armes wird zerstäubt und landet als roter Nebel auf der Windschutzscheibe. Nein… dieses Wort hallt unaufhörlich in meinem Kopf hin und her, während du zu Boden gehst. Nicht nochmal. Noch ein Loch werde ich nicht graben!

Ein kalter Schleier fällt über mich. Etwas, was ich in den letzten Monaten erst lernen musste: die zuverlässigste Art ins Gras zu beißen, ist in solchen Situationen in Panik zu geraten. Also: beruhigen! Puls und Blutdruck so gering wie möglich halten. Man könnte die Energie später noch brauchen. Langsam und ruhig atmen. Man hört schlechter, wenn man hechelt vor Angst.  Ich beuge mich aus der Beifahrerseite, bekomme nur deine Haare zu fassen. Schon peitschen zwei weitere Schüsse durch die Luft. Wir müssen hier weg. Und zwar schnell.

Zuerst an deinen Haaren, dann an deinem Arm ziehe ich dich in den Wagen und trete aufs Gas. Weißer Rauch verhüllt den Heck des Wagens, als der V8 ihn gnadenlos anschiebt. Wie ein Donnergrollen hallt es zwischen den Häuserfronten wieder. Raus hier. Wir müssen raus! Du bist immernoch nicht aufgewacht und ich kenne Hannover nicht. Nicht die besten Voraussetzungen. Schnellstraßen führen meist aus den Städten hinaus. Immer gerade aus! Nicht abbiegen. Nur gerade aus. Die Häuser werden flacher, bekommen zuerst kleine Vorgärten, dann große Grundstücke. So, nun sollten wir die große Straße wirklich verlassen, bevor wir auf andere von unserer Art treffen. Landstreicher. Die jungen Wilden unter den Überlebenden. Und mitunter die lebensmüdesten.

An der Straße liegen nur Bauernschaften. Alte, verlassene Häuser. So soll es zumindest aussehen. Mit Glück finden wir hier morgen Freaks. Die dir helfen können. Ich steuere den Wagen auf einen Feldweg und fahre ihn noch zwei, vielleicht drei Kilometer in die Landschaft. In der beginnenden Dämmerung ist es keine gute Idee, Menschen um Hilfe zu bitten.

Unser ApfelhainIn einem Apfelhain stoppe ich. Das wird unser Nachtlager. Ich öffne den Kofferraum, zerre Decken heraus. Deine alte Kamera, die du mittlerweile hütest wie einen Schatz, kullert mir in die Hände. Der Ort hier ist schön. Du solltest ihn später mal sehen können. Ich lichte ihn ab, die Sonne im Rücken. Oben auf dem Hügel später mal ein Haus. Wenn alles vorbei ist. Wenn es wieder ruhig wird auf der Welt. Das wäre es!

Vorsichtig hebe ich dich aus dem Wagen. Du bist zumindest nicht mehr ganz weggetreten. „Wasser.“ hauchst du mir ins Ohr, während ich dich auf die karierte Decke lege. Du hast viel, sehr viel Blut verloren. Und der jetzige Verband ist auch bald wieder durch. Mein jüngeres Ich verfluchend, dass bei Erste-Hilfe-Kursen lieber die Kursleiterin im Kopf flachlegte hole ich das Wasser und flöße es dir langsam ein. Ich rangiere den Impala rückwärts an einen Baum und pflücke uns einige Äpfel. Rot und groß und saftig. Süß und sauer zugleich.

Wenn man sich wochenlang nur von Dörrfleisch, abgelaufenen Schokoriegeln oder trockenem Müsli, ernährt ist ein Apfel purer Sex als Nahrung! Während die Nacht aufzieht, entzünde ich unser Feuer und lasse meine Finger das allabendliche Ritual durchführen, dass sie mittlerweile allein beherrschen. Magazin raus und leeren. Laufhaltehebel drehen, Lauf und Verschluss runter und reinigen. Das Feuer knistert. Ich höre deine tiefen Atemzüge. Dir scheint es besser zu gehen.

Wie sind wir nur in diese Situation geraten? Was ist passiert? Während der Mond mich gleichgültig anglotzt und der Orion den nahenden Winter verkündet, denke ich zurück. An März. Als noch alle Autos fuhren, alle Handys telefonierten und ich jeden Morgen neben meiner Frau aufgewacht bin. Ich vermisse den Duft ihrer Haare in meinem Gesicht. Diese rabenschwarze Mähne. Das Gefühl ihrer Haut auf meiner. Die Wärme, die von ihr ausging – köperlich, als auch seelisch. Während ich still meine Tränen weine – wie fast jeden Abend in letzter Zeit, erlischt das Feuer und der Mond geht unter. Myriarden an Sternen glitzern da oben. Tausende Welten. Aber da oben kann kein Gott sein. Auch wenn ich früher schon zweifelte – heute ist es wissen. Und wenn er da ist, dann ist er das größte Arschloch, dass mir bisher untergekommen ist.

Das Morgenrot kündigt einen neuen Tag an. In der Nacht, als die Welt am stillsten war, habe ich einen Bach plätschern gehört. 20 vielleicht 30 Meter von uns entfernt. Das traue ich mir zu. Endlich wieder baden! Leise und vorsichtig stehe ich auf – deine Atemzüge sind ruhig und gleichmäßig und tief. Am Bach angekommen lege ich die Waffe ab und meine Sachen beiseite. Das Wasser ist erfrischend kühl. Ich tauche mein Gesichter unter, schmecke, rieche das mineralische Wasser. Ein Genuss.

Als ich den Lagerfeuerplatz und dich wiedersehe, hat sich die Situation grundlegend geändert. Um das Feuer sitzen drei Gestalten. Du bist wach, aber zu schwach dich aufzurichten. „HEY!“ rufe ich den Gestalten mit gezogener Waffe zu, „Alles was ihr ihr sagen wollt, sagt ihr zuerst mir!“ Ein Mann von der Statur einer Lokomotive steht auf: „Ich bin Menger. Früher der Gehilfe eines ansässigen Bauerns. Heute der Anführer der hier lebenden ‚Freaks‘ wie ihr uns so freundlich nennt. Steck deine Spritzpistole ein, Jüngelchen. Du hast keine Ahnung in wievielen Visieren du gerade stehst!“

Das war´s dann mit dem Impala – den sind wir los. „Wollt ihr und eure Freunde Kaffee, Menger?“ frage ich ihn. Die Art, wie sich die Begleiter die Lippen benetzen, sagt mir, dass es hier wohl schon länger keinen mehr gibt. Während wir uns den Kaffee aus dem Wohnmobil schmecken lassen, gehe ich mit Menger etwas abseits. „Warum habt ihr uns nicht getötet und euch genommen, was ihr braucht?“ frage ich ihn. „Nun, Gott ist vielleicht gerade mal austreten, was aber nicht heißt, dass er bald wieder da ist, und die in den Arsch tritt, die Scheiße verzapft haben. Eure Frau ist verletzt, ihr könntet mein Sohn sein. Wenn ich etwas brauche, könnte ich es mir nehmen. Jeder in unserer Gruppe ist entweder unentbehrlich oder zu jung um den Schutz unserer Gemeinschaft zu verlassen. Aber unsere Traktoren brauchen Diesel und eure Frau Ruhe und Medizin. Ihr habt ein Auto und wir eine Krankenschwester. Versteht ihr?“

Während sich Menger und einer seiner Kumpane auf den Rücksitz quetschen, hebe ich dich ins Auto. Sein anderer Compadre nimmt im geöffneten Kofferraum Platz. Während wir mit ächzendem Fahrwerk den Häusern entgegenrollen, beobachte ich die Büsche hinter uns und warte gespannt, in wie vielen Visieren ich denn nun stand. Nichts. Dieser Drecksack hat geblufft. Mal schauen, womit er mich noch angelogen hat.

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